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![]() NN 4/2000 Inhalt | Nützliche Nachrichten 4/2000 - Inhalt Hakkari: Die vergessenen Flüchtlinge im Dreiländereck Türkei-Iran-Irak Nach der Verhaftung der PKK-Führers Öcalan schien alles so einfach. Die PKK erklärte einen einseitigen Waffenstillstand und das Ende ihres Befreiungskriegs, während die Türkei die Festnahme des Anführers der kurdischen Widerstandsbewegung in ihrem Osten als Sieg über den "Terrorismus" feiern konnte. Der von vielen herbeigesehnte Friede lässt im kurdischen Ausnahmezustandsgebiet jedoch auf sich warten. Besonders im bergigen Gebiet nahe der Grenze zum Irak ist wenig von Frieden und Rückkehr zur Normalität zu spüren. Die Panzer des türkischen Militärs sind zwar nicht mehr so häufig auf der Strasse anzutreffen. Auf Polizei- und ,Jandarma`-Kontrollposten säumen sie jedoch weiterhin den Weg und thronen über ,befriedeten` Dörfern. Kriegszustand wird markiert. Auch wenn die "Terroristen" ausbleiben, findet das zahlenmässig kaum reduzierte Militär ausreichend Beschäftigungsmöglichkeiten: Schließung kurdischer Kulturzentren, Strafaktionen gegen Vertreter der kurdische HADEP-Partei, militärische Operationen deren Sinn und Zweck im Dunkeln bleiben. Ungelöst bleiben auch die Probleme, die 15 Jahre Krieg in dieser Gegend verursacht haben. 3.500 kurdische Dörfer wurden unter dem Motto `Bekämpfung des Terrorismus` zerstört oder zwangsevakuiert. Kompensationszahlungen oder Hilfeleistungen an die Vertriebenen - ihre Zahl wird auf 3 Mio geschätzt - blieben aus. Im malerisch zwischen hochaufragenden Bergen gelegenen Städtchen Hakkari (kurdisch çolamerg) hausen 5.000 vertriebene Familien unter Bedingungen, die jeder Beschreibung spotten, denkt man daran, dass sich die Türkei der EU anschließen will. Mit Betonbacksteinen und Mörtel ist etwas aufgebaut worden, das entferntan ,Häuser` erinnert. Tritt man ein, begegnet man zwar Fernsehern mit Parabolantennen - unerlässliches Zubehör, will man den kurdischen Sender Med-TV empfangen. Sie sind jedoch das einzige, was hier entfernt an Zivilisation und Wohlstand erinnert. Fließendes Wasser ist nicht vorhanden. Wer sich waschen will, muss Quellwasser 500 Meter den Berg hinauftragen. Als Badezimmer dienen windige Schuppen, deren Lehmboden bereits an einem sonnigen Herbsttag an Schlammlöcher erinnert. Zimmer gibt es höchstens zwei, was oftmals für mehr als zehnköpfige Familien ausreichen muss. Vor der Kälte im Winter (Hakkari kann sich punkto Schnee mit jedem Ferienort der Schweiz messen) schützt keine Isolation. Ein vor sich hinsiechendes Pflänzchen auf einem Fenstersims, aus dem drei traurige Blättchen spriessen, zeugt denn auch vom vergeblichen Versuch, eine solche Situation erträglich zu machen. Hoffnung in ihrem Elend können die vertriebenen Familien nur aus der Verheissung schöpfen, eines Tages in ihre Dörfer zurückzukehren. Im Städtchen Hakkari liegt die Arbeitslosenrate bei 80%. Weiter weg, gegen Westen, ist die Wirtschaftssituation zwar etwas besser, unqualifizierte Arbeiter gibt es jedoch auch dort genug. Obwohl die Kampfhandlungen im kurdischen Gebiet nun seit mehr als einem halben Jahr beendet sind, lassen die Bewilligungen zur Rückkehr jedoch auf sich warten. Wie Vertreter der Vertriebenenorganisation Göc-Der berichten, sind bereits 20.000 Gesuche gestellt worden. Antworten bleiben aber aus. Unstimmigkeiten gibt es nicht nur über das offizielle Antragsformular, auf dem alles, nur nicht die Vertreibung durch das Militär, als Grund für das ursprüngliche Verlassen des Dorfs bezeichnet werden darf. Wenig begeistert sind die Bauern aber auch über die einzige zurzeit vorhandene Rückkehrmöglichkeit: den Einzug in eines der staatlich kreierten Kollektivdörfer, kleine Garnisonen, in denen Korucus, kurdische Dorfschützer, die mit dem Militär zusammenarbeiten, das Sagen haben. Besonders tragisch nimmt sich vor diesem Hintergrund ein Vorfall aus, der eine auf Frieden hoffende Bevölkerung weit über die Region hinaus beschäftigt. Vier Bauern aus dem Dorf Mar–ns (türkisch: Kavakli) hatten vom Gouverneur in Hakkari die Erlaubnis erhalten, in ihrem Dorf ihre Walnüsse zu ernten. Was eine erste Etappe ihrer Rückkehr hätte sein können endete in einer Tragödie. Genau in dem Gebiet, in demdie Bauern ihre Nüsse sammeln wollten, führte das Militär seit einer Woche eine grössere Operation durch. Von den vier Bauern, die am 19. Oktober loszogen, ihre Nüsse zu ernten, kehrte nur einer zurück. Die anderen drei, Familienväter mit fünfzehn, zwölf und neun Kinder wurden erschossen. Gemäss offizieller Version sollen die drei Bauern von Guerillas ermordet worden sein. Die Umstände deuten jedoch auf anderes hin. Nicht nur, dass der einzige Zeuge des Vorfalls, Kemal Tekin, zunächst von angreifenden Soldaten berichtete und erst nachdem er kurzerhand auf die Kommandantur in Sirnak abgeführt worden war von PKK-Kämpfern zu sprechen begann. Augenzeugen, die bei der Suche nach den Leichen beteiligt waren, berichteten, die Hände der Toten seien auf dem Rücken zusammengebunden, die Gesichter von Misshandlung entstellt und ihre Körper von Schüssen durchsiebt gewesen. In ihrer Nähe hätten auch weitere Leichen gelegen - die Körper von südkurdischen Flüchtlingen. Deren Erschiessung hatten die Militärbehörden bereits eine Woche zuvor gemeldet: sechs separatistische Rebellen seien bei Kämpfen getötet worden. Es mutet daher wenig einleuchtend an, wird heute von offizieller Seite behauptet, die drei Bauern seien von - damals bereits toten - Guerillas massakriert worden. Die Tragödie wirft vielmehr schwere Schatten auf den Friedensprozess. Sollte dies die Art der Rückkehr der Vertriebenen in ihre Dörfer sein, lässt sich kaum aufbleibenden Frieden in der Region hoffen. (Ein Reisebericht von Brigitt Pitzinger und Waltraud Weber aus der Schweiz; aus: Kurdistan Aktuell Electronical Briefings von medico international, 1.11.00) E-Mail: dialogkreis@t-online.de |
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