NN 3/2000
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 Dokumentation

Die Türkei braucht eine Generalamnestie

In den Sommermonaten trafen sich in Köln einige kurdische und türkische Menschenrechtler allwöchentlich, um eine Initiative für eine Generalamnestie zu unternehmen. Der hierfür verschickte Appell wurde von über 115 in Deutschland und in Europa lebenden kurdischen und türkischen Menschenrechtlern, Friedensaktivisten und Intellektuellen unterzeichnet. Er wurde an über 600 Adressaten in der Türkei (u.a. auch an den Staatspräsidenten, an die Regierung und an das Parlament) mit der Bitte geschickt, in dieser Hinsicht tätig zu werden. Die Initiative wurde auf einer Pressekonferenz am Antikriegstag in Köln vorgestellt. Auf einer Mahnwache wurden Postkarten mit der Forderung einer Amnestie an die türkische Botschaft gesandt, auf der zu lesen war: in: "Es ist beschämend, dass im 21. Jahrhundert in einem Land, das Mitglied des Europarates, der NATO und OSZE ist und das eine Beitrittsperspektive in die EU erhalten hat, noch über 10.000 Kurden und Türken wegen ihrer politischen Haltung und Überzeugung inhaftiert sind, Menschenrechtler und Friedensaktivisten wie der international hoch angesehene ehemalige Vorsitzende des Menschenrechtsvereins IHD, Akin Birdal, der blinde Menschenrechtler Esber Yagmurdereli und gewählte kurdische Abgeordnete wie Leyla Zana, Hatip Dicle, Orhan Dogan und Selim Sadak immer noch in Gefängnissen sitzen müssen, neue Gefängnisse mit Isolationszellen für politische Gefangene gebaut werden, die Todesstrafe immer noch nicht abgeschafft ist."

Hiermit möchten wir Ihnen unsere Ansichten zum Amnestieentwurf mitteilen, der zur Zeit beim Parlament liegt und in der kommenden Legislaturperiode verabschiedet werden soll.

Wie Sie wissen, schließt dieser Entwurf `politische Straftäter` von der Amnestie aus. Unserer Meinung nach muss ein solches Amnestiegesetz in eine umfassende Generalamnestie umgewandelt werden



1.Eine Generalamnestie ist juristisch unabdingbar. Eines der universellenGrundprinzipien der Justiz unseres Jahrhunderts ist die Gleichheit aller vor dem Gesetz, oder - anders ausgedrückt - die gleiche Auslegung der Gesetze für alle. Dies ist auch in Artikel 10 der türkischen Verfassung verankert. Der nun vorliegende Gesetzesentwurf jedoch steht im Widerspruch zu diesem Prinzip. In einem Land, in dem von der "Installierung der Unabhängigkeit der Justiz" gesprochen wird, dürfen keine Gesetze verabschiedet werden, die juristischen Grundprinzipien widersprechen.



2.Eine Generalamnestie ist auch politisch unabdingbar Zur Zeit befinden sich in den Gefängnissen unseres Landes mehr als 10.000 politische `Straftäter`. Die meisten von ihnen wurden verurteilt, weil sie ihre Gedanken und Ansichten ausgesprochen, Transparente ausgerollt, Plakate geklebt, Flugblätter verteilt und sich organisiert haben, d.h. wegen Tätigkeiten, die in `normalen` Demokratien nicht als illegal gelten, sondern zu den verfassungsmäßig gewährten und geschützten Rechten von Bürgern zählen. Insbesondere seit der EU-Beitrittskandidatur der Türkei steht die Demokratisierung unter Punkt 1 der Tagesordnung der Türkei. Die Demokratisierung eines Landes, das in seinen Gefängnissen über 10.000 politische `Straftäter` eingesperrt hält, und ehemalige Ministerpräsidenten, Minister und weltweit angesehene Dichter verurteilt, ist jedoch -unter den bestehenden Verhältnissen- nicht möglich. Diese Gefangenen sind umgehend freizulassen. Ferner müssen die Artikel, die politische Delikte und politische `Straftäter` produzieren, aus den bestehenden Gesetzen - allen voran der Verfassung, dem Strafgesetz und dem Anti-Terror-Gesetz - gestrichen werden. Universellen Rechtsnormen istzur Gültigkeit zu verhelfen.



3.Nicht zuletzt ist eine Generalamnestie friedenspolitisch unabdingbar. Zu unserer Freude liegt die 15jährige Phase des Kriegs, die 30.000 Menschen unseres Landes - Kurden wie Türken - das Leben gekostet hat, nunmehr hinter uns. Alles Menschenmögliche ist nun zu tun, damit das so bleibt, der Friedensprozess stabilisiert wird und damit kein neuer Krieg aufflammt.


Mehr als alles andere braucht unser Land die Unabhängigkeit der Justiz, braucht es Demokratie und dauerhaften Frieden. Eine überwältigende Mehrheit der Menschen im Land - von den Menschen auf der Straße bis hin zum Staatspräsidenten - ist sich in dieser Forderung, diesem Wunsch einig. Einer der wichtigsten Schritte zur Erfüllung ihrer Forderung ist die Ausrufung einer Generalamnestie.

Wir hoffen, dass Sie sich unseren Forderungen anschließen und diese unterstützen.

Auf Einladung von Mehmed Uzun (Schriftsteller), Ahmet Kahraman (Journalist, Schriftsteller), Koray Düzgören (Journalist), Fatma Dikmen (Schriftsteller), Fehmi Erbas (Journalist), Sakir Bilgin (Schriftsteller), Kemal Uzun (Menschenrechtler, Friedensaktivist), Enver Karagöz (Menschenrechtler), Nuran Yildirim (Frauenrechtlerin), AdnanKeskin (Menschenrechtler), Mehmet Sahin (Friedensaktivist) unterstützen folgende Personen den obigen Aufruf:

Abbas Erol (Theaterleiter), Ahmet Aktas (Mitarbeiter, Hilfsorganisation), Ahmet Kaya (Künstler), Alaattin Erden (Sozialberater), Aynur Erden (Frauenrechtlerin), Ali Arslan (Schriftsteller), Ali Haydar Cilasun (Künstler, Schriftsteller), Ali Köylüce (Arzt), Ali Özenç Çaglar (Schriftsteller), Ali Ünlübayir (Sozialberater), Ali Yigit (Ehem. DEP-Abgeordneter), Dr. Alper Öktem (Menschenrechtler), Arzu Sefer Kaya (Künstler), Avni Odabasi (Journalist), Bayram Ayaz (Schriftsteller), Cahit Mervan (Journalist), Cemal Turan (Journalist), Deniz Kaya (Künstler), Derwés M. Ferho (Schriftsteller), Diyap Gökduman (Künstler), Dogan Akhanli (Schriftsteller), Dogan Görsev (Übersetzer, Publizist), Ekrem Demir (Künstler), Engin Erkiner (Schriftsteller), Erdal Yalçin (Künstler), Erol Ars (Dichter), Evrim Helin Baba (MdA Berlin), Eyüp Burç (Journalist), Dr. Fahrettin Adsay (Menschenrechtler), Feqir Ahmed (Dichter), Feleknas Uca (MdEP), Ferda Çetin (Rechtsanwalt, Journalist), Fevzi Kaplan (Gewerkschafter), Filiz Biçakçioglu (Dipl. Ing.), Gani Cansever (Künstler), Gökhan Harmandalioglu (Journalist), Gülsen Petersdorf (Maler), H. Semdin (Künstler), Dr. Hakan Akgün (Menschenrechtler), Haki Ayalp (Künstler), Hasan Gürbüz (Friedensaktivist), Hasan Molu (Künstler), Hasan Oguz (Schriftsteller), Hasan Taskale (Lehrer), Haydar Ersöz (Schriftsteller), Haydar Isik (Schriftsteller), Hikmet Çetin (Journalist), Hikmet Sönmez (Künstler), Hülya Engin (Übersetzerin), Hüseyin Ari (Lehrer), Hüseyin Narli (Dipl. Ing.), Ilyas Emir (Journalist, Publizist), Irfan Cüre (Schriftsteller), Irfan Dayioglu (Schriftsteller), Ismail Çoban (Maler), Ismail Türker (Künstler), Kadir Sözen (Filmemacher), Kamal Astare (Schriftsteller, Übersetzer), Kamer Söylemez (Journalist), Kazim Baba (Lehrer), Kemal Kiraç (Menschenrechtler der MigrantInnen), Kemal Yalçin (Schriftsteller, Dichter), Kerim Yildiz (Rechtsanwalt), Lokman Inan (Künstler), Mahir Sayin (Schriftsteller), Medeni Ferho (Schriftsteller, Journalist), Dr. Mehmet Akif Devrim (Menschenrechtler), Mehmet Dogan (Menschenrechtler), Mehmet Özgül (Journalist), Mesut Uysal (Friedensaktivist), Mürvet Cacim (Menschenrechtler), Musa Genç (Schauspieler), Musa Kaval (Friedensaktivist), Mustafa Boyaman (Künstler), Mustafa Demir (Rechtsanwalt), Nazif Telek (Schriftsteller), Nizamettin Ariç (Künstler, Schauspieler), Nizamettin Toguç (Ehem. DEP-Abgeordneter), Nuh Ates (Schriftsteller), Nuray Bayindir (Journalist, Schriftsteller), Nurettin Güntekin (Lehrer), Nuri Aslan (Maler), Orhan Çalislar (Journalist), Ozan Çagdas (Künstler), Ozan Emekçi (Künstler), Ömer Kiral (Gewerkschafter), Ömer Polat (Schriftsteller), Özgen Ergin (Schriftsteller), Rasit Tepe (Prof. Dr., TU Berlin) Remzi Kartal (Ehem. DEP-Abgeordneter), Sabiha Erbas (TV-Sprecherin),Sabri Temel (Vorbeter, Imam), Savas Polat (Journalist), Dr. Selçuk Eralp (Menschenrechtler), Servet Ziya Çorakli (Schriftsteller), Seydi Ünlübayir (Gewerkschafter), Safak Altun (Künstler), Sakir Kakaliçoglu (Journalist), Sener Yildiz (Künstler), Sükrü Yildiz (Schriftsteller, Journalist), Ubeydullah Gümüs (Künstler), Veysi Pirinç (Menschenrechtler), Vicdani Sönmez (Dichter), Yasar Kaya (Ehem. DEP-Vorsitzender, Journalist, Schriftsteller), Yildirim Denizli (Maler), Yusuf Cacim(Journalist), Yücel Feyzioglu (Schriftsteller), Zübeyir Aydar (Ehem. DEP-Abgeordnete).



E-Mail: dialogkreis@t-online.de
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