Nützliche Nachrichten 2/2001


 voriger

 nächster

Nützliche Nachrichten 2/2001

 EKD-Delegationsreise

EKD-Delegationsreise:

"Schau nach deinen Brüdern, ob es ihnen gut geht"

Jörn-Erik Gutheil

(Die Delegationsreise der EKD unter der Leitung des Ratsvorsitzenden Manfred Kock fand vom 1. bis 7. Mai 2001 statt.)





I.Glücklich ist der, der von sich sagen kann, ich bin ein Türke


In die Türkei reisen nicht nur Heimaturlauber, sondern auch Kulturbeflissene. Auf den Spuren des Apostels Paulus oder zu den Stätten der großen Kappadozier oder eben auch solche Leute wie wir, die den christlichen Geschwistern in der Türkei einen Besuch abstatten wollen. Drei Stunden trennen uns von den Christen in Vorderasien. (...)

"Ne mutlu türküm diyene." (Glücklich ist der, der von sich sagen kann, ich bin ein Türke). Dieser Satz Mustafa Kemal Atatürks prangt an vielen öffentlichen Gebäuden in der Türkei. Was Atatürk eher pathetisch ausdrückte, findet seinen praktischen Niederschlag in Artikel 3 und Artikel 5 der türkischen Verfassung. Hier ist von einer unteilbaren Einheit von Land und Nation die Rede. Den Begriff der Minderheit kennt die Verfassung nicht. Es gibt nur Türken, und Türken sind Moslems. Damit hat sich für weite Teile der türkischen Öffentlichkeit auch das Problem erledigt: Was es in der Verfassung nicht gibt, kann es in der Wirklichkeit auch nicht geben. (...)



II. Byzanz, Konstantinopel, Istanbul - Diyarbakir

Sonnenaufgang über dem Bosporus, lauter Verkehr dringt von unten ins Hotel, die türkische Fahne auf einem der zahllosen Gebäude hängt schlaff im Wind, ein neuer Tag.

a) Zu Besuch beim Ökumenischen Patriarchen

(...) Das Oberhaupt der 400 Millionen orthodoxen Christen residiert bescheiden. Prunk und Machtfülle waren früheren Patriarchen nicht fremd, doch seit der Eroberung von Konstantinopel am 29.05.1453 hat sich vieles verändert. Seither kleidet das schwarze Engelkleid der Mönche den Patriarchen.

Seine Allheiligkeit Bartholomäus I., umgeben von hoher Geistlichkeit und einer Vielzahl geflissentlicher Helfer, macht einen beweglichen Eindruck.

Geübt in der Sprache der Diplomatie verteilt er sorgfältig seine Honneurs, dankt für den ökumenischen Dialog und gibt Grüße weiter an Metropolit Augoustinos, die deutschen Kirchen und die deutsche Regierung. Freundlich und geschickt greift er die Grüße des Ratsvorsitzenden auf und beantwortet majestätisch die ihm gestellten Fragen. Obwohl er des Deutschen mächtig ist und sich vorzüglich auszudrücken vermag, wird dieser Teil der Konversation übersetzt. Formulierungen wie "Ihre Fragen sind Beweis Ihres Interesses für unsere Kirche" sind der Einstieg zu den tatsächlichen Problemen, vor die sich das Ökumenische Patriarchat spätestens seit 1970 gestellt sieht: Viele Griechen sind in verschiedenen Wellen aus Konstantinopel / Istanbul abgewandert; sie sahen für sich und ihre Familien keine Zukunft mehr und haben nach "Europa" übergesetzt. Seit dreißig Jahren wird der Griechisch-Orthodoxen Kirche untersagt, ihren theologischen Nachwuchs selbst auszubilden; alle Initiativen, eine Änderung zu erreichen, sind bisher beim türkischen Staat auf taube Ohren gestoßen. Der Ökumenische Patriarch betont, "das Verbot verstößt gegen die Verfassung", aber die Realität bleibt davon unberührt. Und was für die Griechisch-Orthodoxen gilt, gilt gleichzeitig auch für Armenier, syrisch-orthdoxe Christen und andere. (...)

Das Gespräch kommt auf die bevorstehende Erweiterung der EU, auf den möglichen Beitritt der Türkei. "Änderungen für die Minderheiten in der Türkei sind nötig", sagt der Patriarch. "Das ist unser Wunsch". (...)

Das Patriarchat selbst sucht den Dialog im Lande: zu Juden und Muslimen! Der alte Grundsatz, wo geredet wird, sind Veränderungen möglich, gilt auch hier. Mit dem Dialog verbindet sich die Hoffnung, dass die Erweiterung der EU und der mögliche Beitritt der Türkei auch dazu führen könnten, das Zusammenleben der verschiedenen Religionen zu fördern.

b) Das ganze Leben ist ein Risiko

Dramatischer könnte der Szenenwechsel nicht sein. Wir treffen uns mit Vertretern von Menschenrechtsorganisationen, politischen Parteien, Initiativgruppen, die sich "der unter die Räder Gekommenen" annehmen. Dazu gehören der Menschenrechtsverein (IHD), das Kurdische Institut, die Partei HADEP, der Flüchtlingsverein GÖC-DER, ein vom Diakonischen Werk gefördertes Frauenprojekt zur Rechtshilfe von sexuell belästigten bzw. vergewaltigten Frauen.

Die durchgehende Botschaft lautet: "Wer sich den Menschenrechten verpflichtet weiß, steht in der Türkei stets unter einem hohen Risiko; in Istanbul ist das gegenwärtig nicht so stark spürbar".

Viele Besucher aus dem Ausland suchen das Gespräch mit den einschlägigen Organisationen, aber jeder weiß, dass die Aktivitäten beobachtet werden und ggf. staatlicherseits dagegen vorgegangen wird. Dass das Leben zum ständigen Risiko wird, wenn man sich in der Türkei für Menschenrechte einsetzt, liegt an der Rechtspraxis. Es steht viel Gutes in der Verfassung, in den Gesetzen, aber vor Ort regiert die Willkür. (...)

Erst in jüngster Zeit werden auch Menschenrechtsverletzungen gegenüber Frauen thematisiert. Was bisher meist nur vermutet und nur selten bekannt gemacht wurde, ist jetzt offenbar: Es kommt zu sexuellen Belästigungen bis zu Vergewaltigungen gegenüber Frauen! Für die Betroffenen sind die Erlebnisse oft nur schwer in Worte zu fassen; kulturell begründete Scham und Angst vor sich daraus ergebenden sozialen Konsequenzen lassen viele Frauen schweigen. (...)

Schon nach kurzer Zeit haben sich 136 Personen bei einer Hilfsorganisation gemeldet, die auch vom Diakonischen Werk gefördert wird. Wie anderswo auch laufen Frauen Gefahr, wegen Beleidigung der Sicherheitskräfte angeklagt zu werden, wenn sie entsprechende Vorfälle beim Namen nennen. Dazu reicht schon aus, wenn bei einer öffentlichen Veranstaltung der bloße Tatbestand erwähnt wird.

Eine Rechtsanwältin der Fraueninitiative, mit der wir sprechen, sieht sich bereits einer derartigen Klage gegenüber; der Ausgang des Prozesses ist noch offen. Bisher lassen sich noch keine Erfahrungen mit den Gerichten feststellen. Es hängt im wesentlichen von der Rechtsinterpretation und auch von den handelnden Personen ab. Wichtig bleibt, dass die Täter in der Regel weder bestraft werden noch andere Konsequenzen aus den begangenen Taten für sie erwachsen. (...)

c) Innerstaatliche Fluchtalternative

Die Frage nach der innerstaatlichen Fluchtalternative wird nicht eindeutig beantwortet. Aus der Sicht der NGO`s verfolgt der türkische Staat unverändert die politische Absicht, den Südosten des Landes zu "entvölkern". Das führt zum einen zu den immer wiederkehrenden Flüchtlingsschicksalen auf Schiffen, die von ihrer Besatzung in Küstennähe im Stich gelassen werden. Hier arbeiten Schleuserbanden und staatliche Stellen (Polizei / Jandarma) eng zusammen. Für diejenigen, die in den Westen der Türkei fliehen können, ist es schwer sich durchzuschlagen. Der Lebensstandard ist im Westen der Türkei höher, aber es ergeben sich Sprachschwierigkeiten, es herrscht eine andere Kultur vor, für die Kinder ist der Schulbesuch schwieriger und generell werden die Flüchtlinge als "5. Kolonne" der PKK verdächtigt. Wer in einer solchen Situation eine Chance sieht, sich nach Westeuropa durchzuschlagen, nimmt diese Chance wahr.

Die Aussagen zu den zurückkehrenden (abgeschobenen) Asylbewerbern aus Deutschland sind widersprüchlich. Von einer generellen Verfolgung bei der Einreise in die Türkei spricht zwar keiner, aber es gibt immer wieder Berichte über Einzelfälle, in denen Menschen gefoltert worden sind.

Der türkische Staat hat inzwischen mit einem Projekt begonnen, Flüchtlinge aus dem Osten der Türkei, die sich jetzt im Westen des Landes aufhalten, wieder in den Südosten zurückkehren zu lassen. Auf den Formularen, die es dabei auszufüllen gilt, wird unterstellt, dass das frühere Heimatdorf von der PKK verbrannt worden ist. Damit ist jeder Anspruch auf Schadenersatz von vornherein ausgeschlossen.

Für die Zurückkehrenden gibt es aber dennoch kaum eine Lebensperspektive, weil die notwendige Infrastruktur fehlt. Der Staat fühlt sich nur für den Straßenbau zuständig; für Hausbau, Vieh, für das Getreide sind die Rückkehrer zuständig. Woher die finanziellen Mittel dafür kommen sollen, bleibt ungeklärt.

Übereinstimmend sagen alle Vertreter der NGO`s, dass Veränderungen in der Türkei nur durch Druck von außen zu erzielen sein werden. Auch wenn sich gegenwärtig eine größere Sensibilität feststellen lässt bleibt es dabei, dass die Türkei "aus Europa" aufgefordert werden muss, gewisse Standards einzuhalten, wenn sie tatsächlich gewillt ist, Teil der EU zu werden. Damit würden die inländischen Initiativen unterstützt, die unter teils lebensbedrohlichen Anstrengungen für eine Demokratisierung der türkischen Gesellschaft arbeiten.

d) Besuch bei Metropolit Cetin (Syrisch-Orthodoxe Kirche in Istanbul)

(...) In Istanbul leben gegenwärtig etwa 2.000 syrianische Familien (ca. 10.000 Personen). Ganz überwiegend sind es ehemalige Flüchtlinge, die aus den Siedlungsgebieten im Südosten der Türkei nach Istanbul gekommen sind und hier sesshaft wurden. Die Kirche hat Probleme in der Sprachvermittlung (Aramäisch) und der Theologenausbildung. Eine religiöse Unterweisung bzw. Erziehung durch die Kirche lässt der laizistische türkische Staat nicht zu. (...)

Etwas resignierend bemerkt er, dass man - je weiter man nach Westeuropa gelangt - feststellen kann, dass dort Moscheen durch Muslime gebaut werden dürfen; in der Türkei leben etwa 150.000 Christen, weshalb wird dieser verschwindenden Minderheit nicht gestattet, Kirchen zu bauen? (...)

f) Diyarbakir - Station auf dem Weg der alten "Seidenstraße"

Istanbul - Diyarbakir. Die heimliche Hauptstadt im Südosten der Türkei, überwiegend von Kurden bewohnt, mit einer bewegten Geschichte. (...)

Der Kontakt zur "Demokratie-Plattform" hat funktioniert. Trotz der vorangeschrittenen Zeit sind vier Vertreter gekommen. In der Plattform sind 28 NGO`s zusammengeschlossen, die sich zum Ziel gesetzt haben, demokratische Strukturen in der Türkei voranzutreiben. Bei allen Unterschieden in der Mitgliedschaft einigt sie das Ziel, verbindliche Standards für ein demokratisches Gemeinwesen und die Einhaltung der Menschenrechte zu erreichen.

Wir bekommen einen Einblick in die Geschichte dieser Region in den letzten Jahren. Es ist eine Geschichte von politischen wie menschlichen Verlusten; dennoch ist der politische Wille geblieben, die angestrebten Ziele weiter zu verfolgen.

Wer in den kurdischen Gebieten die gesetzten Grenzen überschreitet, hat mit einschneidenden staatlichen Konsequenzen zu rechnen. Dutzende Menschen sitzen im Gefängnis, hunderte sind strafversetzt; ständig ist damit zu rechnen, dass man festgenommen wird, viele "verschwinden" und werden später tot aufgefunden.

"Der Kampf für demokratische Strukturen ist ein Kampf zum Wohl der ganzen Türkei", sagen unsere Gesprächspartner, auch wenn dies von den staatlichen Stellen nicht so gesehen wird. Die Frage einer demokratischen Türkei ist eng mit der kurdischen Frage verknüpft; lange Jahre war es nicht möglich, außerhalb der Türkei für die kurdische Sache zu werben, heute weiß jeder in Europa, dass die Frage der Menschenrechte und die Frage der kurdischen Identität eng zusammengehören.

Mit der Beendigung der bewaffneten Auseinandersetzung in den Notstandsprovinzen sind auch in der Bevölkerung im Südosten der Türkei die Erwartungen gestiegen, dass die kurdische Frage mit friedlichen Mitteln gelöst werden könnte. Machte die türkische Regierung bisher den Vorwurf, mit Terroristen nicht verhandeln zu können, so gilt jetzt, dass seit zwei Jahren die PKK einen einseitigen Waffenstillstand erklärt und eingehalten hat. Auf der anderen Seite, der türkischen, hat sich bis heute kaum etwas verändert. In vier der überwiegend von Kurden bewohnten Provinzen herrscht weiterhin der Notstands-Gouverneur. Grundrechte können von ihm jederzeit suspendiert werden. Die Staatsgewalt ist überall präsent; neben Polizei, Jandarma und Armee gibt es eine Vielzahl ziviler staatlicher Sicherheitskräfte, die ein freiheitliches Leben im Südosten der Türkei erschweren.

Es ist kaum zu behaupten, dass sich in den Notstandsprovinzen Grundsätzliches geändert hätte und es besteht auch wenig Hoffnung auf Verbesserungen: Immer noch ist die kurdische Sprache verboten, wird die Existenz von Kurden als nationaler Minderheit geleugnet, sind kulturelle Veranstaltungen verboten. (...)

Die Rechtsunsicherheit und die Abhängigkeit von den Entscheidungen des Gouverneurs in den Notstandsgebieten verhindern konstruktive Bemühungen, die gegenwärtige Situation zu verbessern. Dabei weiß jeder, dass es in der Türkei keine Demokratie geben kann, ohne Lösung der kurdischen Frage.

Unverändert sind die Wunden des Bürgerkriegs lebendig. Mehr als 3.000 Dörfer wurden bei den (bürger-)kriegsähnlichen Auseinandersetzungen zwischen türkischer Armee und PKK zerstört, dreieinhalb Millionen Menschen verloren ihre Heimat und Lebensgrundlage, es finden ständig Rechtsverletzungen unterschiedlichster Art statt. Das Verhalten der Sicherheitskräfte hat sich nicht verändert. Weiterhin werden Menschen ohne Gerichtsurteil ermordet, sind Gebiete vermint und damit unbewohnbar.

Wir hören Zahlen, hinter denen sich Menschen verbergen, Namen mit Schicksalen, die wir kaum erahnen können. Die Konfrontation zwischen der im Südosten lebenden Bevölkerung und den Sicherheitskräften füllt die Statistiken. Und immer wieder ist es der Gouverneur in den Gebieten des Ausnahmezustands, der die Grundrechte nach eigenem Gutdünken auslegen kann. Gegen seine Maßnahmen gibt es keine Berufungsmöglichkeit. Zeitungen oder kleinere Radiosender werden verboten, Menschen verlieren ihren Arbeitsplatz und zuletzt die Hoffnung, dass sich etwas ändern könnte. Es ist ein bedrückendes Fazit: Seit 1978 haben die Bewohner im Südosten der Türkei keinen Anspruch auf demokratische Standards.

Danach gefragt, woher sich ihr persönliches Engagement speist, kommt als Antwort: "Kurde bin ich seit Geburt, Menschenrechte stehen mir zu"! Oder: "Türkisch habe in der ersten Schulklasse durch Hiebe gelernt. Als ich meine Mutter fragte, weshalb ich geschlagen werde, weil ich kein Türkisch kann, konnte sie mir keine Auskunft geben. Daran hat sich grundsätzlich bis heute nichts geändert und solange dies so bleibt, solange der türkische Staat nicht gewillt ist, unsere Identität anzuerkennen, werden die Kurden, werden andere Minderheiten keine demokratischen Rechte für sich beanspruchen können". (...)



III. Im Tur Abdin

a) Gespräch mit Gouverneur Temel Kocaklar in Mardin.

(...)Der Gouverneur empfängt uns mit freundlichen Worten. Er betont die Tradition, wonach die Bürger in der Türkei ihren religiösen Pflichten ohne Behinderung nachgehen können; der Mufti von Mardin, ebenfalls zum Gespräch eingeladen, bestätigt dies. "Die Nicht-Muslimen sind Teil unserer Geschichte und bei der Ausübung ihrer Religion gibt es keine Probleme." Natürlich verweist der Gouverneur sofort auf die Vergangenheit mit der PKK. Der Terrorismus bzw. terroristische Bewegungen haben die christliche wie muslime Bevölkerung in Angst und Schrecken versetzt. Staatsmännisch fordert er ein, dass alle Staaten der Welt den Terrorismus bekämpfen müssten. Unsere etwas subtile Frage, dass hinter terroristischen Akten Motive versteckt sind, die mit der Einhaltung der Menschenrechte zusammenhängen könnten (Sprache, Religion, Kultur) wird brüsk missverstanden, als ob wir dem Terrorismus das Wort reden wollten.

Also noch einmal die Frage, welche Perspektiven haben die Religionen, wie sieht es mit Schulen, mit der Sprachvermittlung bei den syrisch-orthodoxen Gemeinden aus? "Kein Ziel kann Terror rechtfertigen", antwortet der Gouverneur, um dann noch einmal mit großer Überzeugung zu sagen: "Die Türkei ist ein laizistischer, demokratischer Rechtsstaat". Wir fragen weiter: "Können Glauben, Sprache, eigene Kultur von Minderheiten in der Türkei weitergegeben werden? Viele Menschen haben den Südosten der Türkei verlassen, weshalb?" Der Gouverneur wirkt nervös. Bis 1980 wurden religiöse Traditionen nicht behindert. "Der Terror hat die Menschen aus den Dörfern vertrieben, deshalb sind sie ausgewandert." Frage und Antwort gehen wie beim Pingpong-Spiel hin und her. Der eine will nicht verstehen, die anderen sollen verstehen, dass die vorgetragenen Probleme nicht existent sind. Entnervt und demonstrativ holt der Gouverneur die türkische Verfassung und liest uns Artikel 3 vor: "Der Staat Türkei ist in seinem Staatsgebiet und seinem Staatsvolk ein unteilbares Ganzes. Seine Sprache ist Türkisch". (...)

"Die Diskussion stimmt mich traurig, wir leben in einem laizistischen Land, niemand macht uns Vorwürfe, alle Gruppen leben gleichberechtigt zusammen", sagt Gouverneur Kocaklar fast vorwurfsvoll. Und als wollte er noch einen Trumpf draufsetzen, "Metropolit Aktas hat diese Beschwerden, die Sie heute vortragen, nie genannt". Fast versöhnlich kommt dann noch ein letzter Schlenker, "seit langem gibt es von außen Gruppen, die hier in der Region Probleme schaffen wollen. Von den christlichen Gemeinschaften sind mir bisher keine Probleme vorgetragen worden, wir teilen die gemeinsame Geschichte, machen Sie sich keine Sorgen".

Konklusio aus der Sicht des Gouverneurs: "Die Menschen im Tur Abdin leben gut zusammen, es herrscht Frieden!" (...)

b) Tur Abdin - Am Berg der Knechte Gottes

Das Kloster Mar Gabriel grüßt von weitem mit einer imposanten Außenmauer. Metropolit Aktas und einige seiner Mitarbeiter empfangen uns. (...) In der Region des Tur Abdin leben nur noch etwa 600 bis 800 syrianische Familien; 4 Klöster mit 3 Mönchen und 35 Schülern, die in Mardin zur Schule gehen und im Kloster wohnen, sind das spirituelle Rüstzeug einer der ältesten christlichen Kulturen.

Unsere Anwesenheit erzeugt Freude, aber auch Irritation; Metropolit Aktas sagt wenig zur aktuellen Situation, er bittet darum, keine Notizen oder Aufnahmen zu machen. Die Begleiter des Staates werden sanft gebeten, draußen zu bleiben. "Das Kloster Mar Gabriel mit seiner Tradition soll kein Museum werden", die Gemeindeglieder sind seit den 70er Jahren weggegangen, viele nach Deutschland, Schweden oder Amerika. (...)

c) Weiterreise verboten

Eigentlich hatten wir geplant, das syrianische Dorf Hah mit seiner Marienkirche aus dem 5. Jahrhundert zu besuchen und mit den Dorfbewohnern zu sprechen. Es entsteht plötzlich Aufregung, weil unsere staatlichen "Beschützer" zu erkennen geben, dass es seit März ein generelles Verbot des Innenministeriums in Ankara gibt, die syrianischen Dörfer im Tur Abdin zu besuchen. Als offizieller Grund werden Sicherheitsbedenken angegeben.

Nach dem schwedischen Botschafter gilt dies offenkundig auch für den Ratsvorsitzenden bzw. den uns begleitenden Vertreter des deutschen Botschafters. Wir sind unsicher, was wir machen sollen. Unsere syrianischen Freunde raten von demonstrativen Akten ab, "sie werden nichts bewirken". Der Vertreter des Botschafters ist bereit, in Midyat bei der Jandarma vorzusprechen. Wir entscheiden uns anders: "Mit Subalternen reden wir nicht".

Kurzfristig wird das Programm geändert. Wir fahren nach Midyat und besuchen dort eine syrianische Familie. (...)

In Midyat lebt auch Pfarrer Yusuf Akbulut, der in der türkischen Tageszeitung Hürriyet mit der Überschrift denunziert wurde: "Der Feind ist unter uns". Ihm wurde im Zusammenhang mit seiner Feststellung, dass das Schicksal der Armenier 1915 auch das Schicksal der Syrianis sei, der Prozess gemacht. Dank starker Interventionen aus Europa und den USA wurde Pfarrer Akbulut freigesprochen und befindet sich heute wieder bei seiner Gemeinde. (...)

Spätabends erreichen wir sicher Istanbul. (...)



IV. Wer nur attackiert, verbessert nichts - Unser Auftrag ist die Versöhnung

Die Fähre bringt uns auf eine der Prinzeninseln, auf der der armenische Patriarch Mesrob II. seine Sommerresidenz hat. (...)

Patriarch Mesrob II. verweist auf die in diesem Jahr 1700jährige Tradition der armenischen Kirche in Vorderasien. Sie ist danach die älteste christliche Kirche. Natürlich lässt er nicht unerwähnt, welche Tragödie die Armenier in der Türkei erlitten haben. Heute leben noch etwa 75.000 Mitglieder der armenischen Kirche in der Türkei. Das Patriarchat umfasst Istanbul und die ganze Türkei; daneben gibt es weitere drei Patriarchate.

Patriarch Mesrob II. macht einen sehr aufgeweckten, realistischen und der Zukunft zugewandten Eindruck. Ihm liegt daran, das armenische Zeugnis zu bewahren und gleichzeitig den Prozess der Versöhnung voranzutreiben. Er weiß, dass auf beiden Seiten Hitzköpfe am Werk sind, die zunächst Rechtfertigungen anstreben und Schuld feststellen wollen. "Wir haben gelernt, dass Versöhnung auch aus der Erinnerung kommt, Erinnerung aber gleichzeitig nach vorne weist, neue Wege anstrebt und nicht im Vergangenen verharren will". (...)

Im Jahr 1936 wurden alle Kirchen vom türkischen Staat aufgefordert, Auskunft über ihren Grundbesitz zu geben. Wer sich damals nicht meldete, kann heute keine neuen Besitzansprüche erheben. Immer wieder versucht der Staat, durch gezielte Verzögerungen und Hindernisse die christlichen Gemeinden zu entmutigen und ihnen zu signalisieren, dass das ihnen zustehende Recht in Wirklichkeit nicht gilt. (...)



V. Türkische Christen suchen ihren Ort

(...) Ein ganz großes Problem für die kleinen Gemeinden besteht darin, dass sie Schwierigkeiten haben, geeignete Räume für ihre Gottesdienste zu erhalten. Der Versuch, entsprechende Räumlichkeiten anzumieten, bedarf der Information der Sicherheitskräfte. Selbst wenn diese zustimmen, können zum Beispiel Beschwerden von Anwohnern dazu führen, dass Gottesdienste unterbunden werden. Die staatlichen Sicherheitskräfte machen davon regelmäßig Gebrauch. (...)



VI. Was nun? Überlegungen für zukünftige Handlungsschritte

Die Begegnungen in der Türkei haben bei mir dazu geführt, die offenen Fragen zu vermehren. Was wird die fortschreitende Islamisierung bewirken? Sind die Traditionen der europäischen Demokratie und ein nationalistischer Kemalismus miteinander zu versöhnen? Setzt sich langfristig Rechtssicherheit gegen Willkür und Korruption durch? Wer soll Garant für die Entwicklung einer zivilgesellschaftlichen Entwicklung in der Türkei sein? Wie erlangen Minderheiten und religiöse Gruppierungen gesellschaftliche Freiheiten, um sich frei entwickeln zu können? Worin liegen Möglichkeiten, Grenzen und Aufgaben für die Kirchen in Deutschland? Sind wir fähig und bereit, den interkulturellen wie interreligiösen Dialog zu fördern oder gar mitzugestalten? (...)

Das Thema Menschenrechte ist uns in den Gesprächen mit den unterschiedlichen NGO`s hautnah vermittelt worden. Deutlich geworden ist auch die Ambivalenz in der jeweiligen Einschätzung der aktuellen politischen Situation. Wünschenswert bleibt neben der weiteren engen Zusammenarbeit die (finanzielle) Förderung gezielter Projekte wie der Initiative, die sich für sexuell belästigte bzw. vergewaltigte Frauen einsetzt. Auch hier gilt es, die öffentliche politische Unterstützung außerhalb der Türkei mit der Solidarität für NGO`s in der Türkei zu verbinden. Dabei könnte es hilfreich sein, wenn sich verschiedene gesellschaftliche Gruppen darüber verständigen, wie der nachhaltige Kontakt zu Gruppen in der Türkei intensiviert werden kann. Tagungen und Projekte im Zusammenwirken mit bereits aktiven türkischen NGO`s sind zu befürworten.

Die Situation im Tur Abdin bedarf der verstärkten europäischen Wahrnehmung. Neben den Problemen der syrisch-orthodoxen Christen sind die Problemstellungen der Notstandsprovinzen deutlicher in den Blick zu nehmen. Millionen Vertriebene leben in den westlichen Gebieten der Türkei, Zehntausende sind nach Europa oder Übersee ausgewandert und das Gebiet mit einem großen kulturellen Reichtum ist von Gewalt, Armut und Perspektivlosigkeit gekennzeichnet. Zu prüfen wäre, ob es vorstellbar ist, ehemalige Bewohner des Tur Abdin zur Rückkehr in die Siedlungsgebiete zu bewegen. Dies setzt das Zusammenwirken von Kirche, türkischem Staat und den betroffenen Menschen bei gleichzeitiger massiver finanzieller Unterstützung aus Europa voraus. Könnte hier zum Beispiel die Solidaritätsgruppe Tur Abdin einen Anstoß geben, den wir in der Kirche unterstützen sollten?

Es wäre wünschenswert, wenn im Laufe der Zeit wenigstens einige Fragen mit hilfreichen Antworten versehen werden könnten.



gez. Jörn-Erik Gutheil, Düsseldorf, 8. Mai 2001

Website: www.ekir.de
 voriger

 nächster




       
Bereich:

Dialog-Kreis

Ein
Service
des

Netzwerk Friedenskooperative


Netzwerk der deutschen Friedensbewegung